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Das Mosellager

Ehemalige Lagerbaracke in Bruttig; Zustand Ende der achtziger Jahre. Foto: Ersnt Heimes

Unter dem Decknamen „Zeisig“ entstand 1944 in der Nähe von Cochem eine Produktions­stätte der Firma Bosch als Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler. Häftlinge aus dem luxemburgischen und französischen Widerstand, nach April 1944 in der Mehrzahl polnische und sowjetische Kriegsgefangene und italienische „Militärinternierte“ mussten unter Aufsicht der SS ein Großprojekt aufbauen, für das 3,5 Millionen Reichsmark veran­schlagt waren. Die Männer kamen den Konzentrationslagern Majdanek, Auschwitz und Natzweiler. Zeitweise hielten sich mehr als tausend Häftlinge in den beiden Barackenla­gern auf, die sich direkt neben den Ortschaften Bruttig und Treis befanden. Unter äußerst schlechten Arbeits- und Unterkunftsbedingungen, bei erbärmlicher Versorgung und Be­strafungen selbst für das „Essen von Gras“ sollte der Tunnel zu einer Produktionsstätte für besonders große Zündkerzen für Flugzeuge werden. Die Wachmannschaften lebten als Herren über Leben und Tod, sie ließen die Häftlinge zu ihrer Belustigung über Scherben laufen oder trieben sie sonntags stundenlang ohne Bekleidung im Kreis auf dem Lagerge­lände herum. In einem der beiden Dörfer konnten die Menschen dabei zusehen. Die Verhältnisse waren so elend, dass trotz geringer Aussicht auf ein Gelingen immer wie­der Gefangene eine Flucht versuchten. Im April 1944 versuchten 21 polnische und sowjeti­sche Männer zu fliehen. Dreizehn - darunter elf Kriegsgefangene - von ihnen ergriff die SS binnen Kürze und ließ sie daraufhin öffentlich erhängen. Teile der Bevölkerung hatten sich an der Wiederergreifung der abgemagerten Männer in Sträflingskleidung beteiligt. Zwei luxemburgische Maurer, die für italienische Gefangene von Verwandten Nahrungs­mittel ins Lager geschmuggelt hatten, flogen auf und wurden selbst Häftlinge: der eine im Mosellager, der andere in Buchenwald, wo er kurz darauf starb.Die Baracken des Lagers wurden nach Kriegsende zunächst als Sammellager für Zwangs­arbeiterInnen genutzt, später zu Wohnhäusern umgebaut und von Ortsansässigen oder Flüchtlingen bezogen oder für Lager- und Geschäftszwecke benutzt.

Dokumente:
April 1942: Fluchtversuch und Wiederergreifung von Kriegsgefangenen