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Verfolgung der Sinti und Roma

„Am nächsten Morgen, den 3. August, war das Zigeunerlager leer. Da kamen plötzlich zwei Kinder von drei und fünf Jahren aus ihrem Block, die, in ihren Decken eingemummelt, alles überschlafen hatten. Die beiden Kleinen hielten einander an der Hand, weinten ob ihrer Verlassenheit. Sie wurden nachgeliefert.“

Lucie Adelsberger, jüdische Ärztin und Deportierte im Vernichtungslager Auschwitz

Der Völkermord an Sinti und Roma

Deportation der Sinti aus dem Sammellager Hohenasperg, in das rheinhessische und pfälzische Sinti verschleppt worden waren, in das besetzte Polen. Foto: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg

Die deutschen Sinti und Roma sind eine seit über 600 Jahren hier beheimatete Minderheit. Diskriminierungen hatte es bereits im Kaiserreich und in der Weimarer Republik gegeben. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten aber erreichte die gegen Sinti und Roma gerichtete Ausgrenzungspolitik auf der Grundlage der rassenideologischen Staatsdoktrin eine völlig neue Dimension. Mit Hilfe deutlich verschärfter Gesetze und Verordnungen wurden sie von ihren Arbeitsplätzen verdrängt und aus den Schulen ebenso ausgeschlossen wie aus der Wehrmacht. Bei der Erfassung, Kennzeich­nung und Deportation arbeiteten Parteistellen, staatliche Behörden und sogenannte „Rasseforscher“ eng zusammen. In der zweiten Hälfte der 30er Jahre entstanden in vielen deutschen Städten besondere Lager für Sinti und Roma, in die ganze Familien willkürlich eingesperrt wurden. Die Lager waren eingezäunt und wurden von der SS oder von Polizeikommandos ständig bewacht. Als weitere Vorbereitung für die späteren Massendeportationen ordnete das Reichssicherheitshauptamt nach dem Überfall auf Polen an, dass Sinti und Roma ihre Aufenthalts- und Wohnorte nicht mehr verlassen durften. Die erste Verschleppung von Sinti und Roma funktionierte reibungslos. In der Nacht und am frühen Morgen des 16. Mai 1940 begannen in Mainz und anderen Städten die Verhaftungen. Für die betroffenen Menschen kam die Aktion völlig überraschend. Unter den insgesamt 2.500 Sinti und Roma, die in die polnischen Ghettos und Konzentrationslager verschleppt wurden und dort größtenteils umkamen, waren 100 Bürger aus Mainz, 160 aus der Pfalz, 80 aus Worms, 18 aus Ingelheim, 80 aus Koblenz und 80 aus Trier. Der Weg der rheinhessischen und pfälzischen Sinti führte von Mainz und Worms aus über Ludwigshafen in das Zuchthaus auf dem Hohenasperg bei Stuttgart und von dort weiter in die Konzentrationslager im Osten. Die Menschen aus dem nördlichen Teil des heutigen Rheinland-Pfalz wurden über das Messegelände von Köln ins besetzte Polen, das so genannte „Generalgouvernement“, transportiert. Auf Verfügung Himmlers wurden ab März 1943 die noch in Deutschland und den besetzten Gebieten lebenden Sinti und Roma größtenteils in das im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eingerichtete "Zigeunerlager" deportiert und bis auf wenige Überlebende umgebracht.

Literatur: Peritore, Silvio, Reuter, Frank: Dauerausstellung zum nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma im Staatlichen Museum Auschwitz. In: Gedenkstätten Rundbrief 2002, Heft 106, S. 12-21; Verband Deutscher Sinti - Landesverband Rheinland-Pfalz; Awosusi, Anita; Krausnick, Michail: "Die Überlebenden sind die Ausnahme." Der Völkermord an Sinti und Roma. Katalog zur Ausstellung, 4. veränderte Auflage, Landau 2003