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08.05.2018

Berichterstattung zur Lehrerfortbildung in der Gedenkstätte Hinzert

"Der Krieg ist vorbei". Das Leid der Opfer noch lange nicht

Fotos: Privat

Wenn Liebe zum Verbrechen wird -„ das Schicksal meiner Eltern „

Ich wurde im Mai 1944 geboren und bekam zusammen  mit meinen Eltern ein schicksalsschweres Los aufgebürdet. Meinen Eltern hat es unsägliches Leid in Konzentrationslagern gebracht. Meine Mutter gilt als vermisst, sie ist mit ziemlicher Sicherheit im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück zu Tode gekommen.

Mein Vater, aus Polen stammend, war im Konzentrationslager  SS-Sonderlager Hinzert bei Trier inhaftiert, das er überlebt hat. Er hat seine Heimat in Polen verloren und musste sich nach dem Krieg und seiner Auswanderung nach Kanada in diesem  fremden Land ein neues Leben aufbauen. 

Und ich habe weder Mutter und Vater und trage Zeit meines Lebens schwer an diesem Verlust.

Soweit ich denken kann, weiß ich, dass ich keine Eltern habe. Wie und wann ich das von meinen Großeltern, bei denen ich aufgewachsen bin, erfahren habe, liegt nicht in meinem Erinnerungsbereich. Sie müssen es mir schon sehr früh und sehr schonend gesagt haben

Sie waren für mich Vater und Mutter und Großeltern zugleich.

In unserer Familie wurde viel über Anneliese, die vermisste Tochter, meine Mutter gesprochen und meine Großeltern verstanden es, so von ihr zu erzählen, dass sie für mich stets gegenwärtig war und ich mich zu ihr gehörend und mit Liebe verbunden fühlen konnte. So habe ich auch in meiner frühen Kindheit erfahren, dass meine Mutter in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht wurde und wir von niemanden erfahren können, was dort mit ihr geschehen ist. 

Wir lebten in einem kleinen Ort, in dem sich alle kannten und das Schicksal meiner Familie war allen Dorfbewohnern bekannt.  In meinem Beisein wurden meine Großeltern oft auf der Straße angesprochen und gefragt, ob sie irgend etwas über das Schicksal meiner Mutter in Erfahrung bringen konnten. Von vielen Seiten erfuhren wir Mitgefühl  und so klein ich war, spürte ich das Mitleid der Erwachsenen. Das hat mein Selbstwertgefühl viele Jahrzehnte beeinflusst, lange fühlte ich mich als kleines bedauernswertes Wesen.

Als ich sieben Jahre alt war, starb mein Großvater. Der Verlust war für meine Großmutter und mich sehr groß.  Nicht nur der Tod vom Großvater war zu verkraften, sondern auch der Verlust der Tochter war für Großmutter wieder sehr präsent. Es war eine traurige Zeit für uns – wir Beide waren Allein-gelassen.

Meine Großmutter hatte kein leichtes Leben. Harte Arbeit gehörte Zeit ihres Lebens zum Alltag. Sie hatte keine schöne Kindheit, sie bekam wenig Zuwendung  und ihr Leben war von Verlusten geprägt. Doch ihre Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft zeichneten sie aus und sie war mir in vielem ein Vorbild. Doch meine Mutter konnte sie mir nicht ersetzen, zwischen ihr und mir war die Lücke einer Generation.

Auch an meinen Großvater habe ich gute und sehr schöne Erinnerungen obwohl ich ihn nur als Kranken kenne.  Er hat mir Geschichten erzählt und Lieder vorgesungen, er hat mir aufgemalt, wie das Christkind aussieht oder wie ich mir einen Riesen vorstellen kann. Er hat mich geliebt und mir den Vater ersetzt. Hätte mich Großvater länger in meinem Leben begleiten können, ich hätte viel an Kraft und Stärke für mein Leben gewonnen.

Mit siebzehn, achtzehn Jahren spürte ich den Verlust der Mutter mit aller Macht. Mir war bewusst, dass für sie in diesem Alter ihr Schicksal seinen Lauf nahm: Die erste Liebe, Mutter werden - und die Konsequenz daraus - der frühe Tod.

Nie war der Verlust der Mutter so stark, wie in dieser Zeit meines Frauwerden's. 

Viele, viele Jahre konnte ich nicht über meine Lebensgeschichte sprechen, aber immer dringender wurde das Bedürfnis zu erfahren, wie die Geschichte meiner Eltern, vor allem die meiner Mutter ist. Was ich wusste, war nur, was mir meine Großeltern in meiner Kindheit von ihr erzählt haben.

Obwohl die Zeit drängte, hatte ich nicht den Mut, mich auf die Spurensuche zu machen. Die Angst, Schreckliches über ihren Tod zu erfahren hielt mich davor zurück. Mir war bewusst, die Überlebenden von Konzentrationslagern, von denen ich etwas hätte erfahren können,  wurden immer weniger und die Hoffnung, dass sich irgend jemand  darunter finden könnte, der vielleicht mit  meiner Mutter in Ravensbrück zusammen war und etwas über ihr Schicksal sagen konnte, wurde immer geringer. 

Erst im Jahre 2008, als ich schon 64 Jahre alt war und nach einer schweren Krankheit, begann ich endlich mit meinen Nachforschungen. Ich nahm Kontakt zum Konzentrationslager Ravensbrück auf. Was mir mitgeteilt werden konnte, war die Einlieferung meiner Mutter am 10. November 1944. Aus noch vorhandenen Zugangslisten ist zu erfahren, dass sie zusammen mit 12 anderen Frauen, mit dem letzten Transport an diesem Tag in Ravensbrück ankam und mit der Häftlingsnummer 83 979 registriert wurde.

Nun weiß ich aus sicherer Quelle, dass meine Mutter in Ravensbrück war. Doch mehr konnte ich nicht erfahren.

Ich wende mich an den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Arolsen. Von dort bekomme ich auch nur das Einlieferungsdatum meiner Mutter mit dem Bedauern, dass sie mir leider keine weiteren Schicksals-klärenden Angaben erteilen können.

Ich suche weiter und finde im  Staatsarchiv in Ludwigsburg wider Erwarten die Geschichte meiner Mutter. Mein Großvater hat nach dem Krieg Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht an seiner Tochter beantragt und einen langen Brief verfasst, in dem er alles schildert wie es war. Er nennt zwei Hauptschuldige von denen umfangreiche Entnazifizierungsunterlagen so genannte Spruchkammer Akten vorhanden sind, in denen der Fall meiner Mutter bedeutender Gegenstand bei den Verhandlungen war.

So habe ich erfahren:

Meine Mutter war 17 Jahre alt, sie wurde zu Hause zum Mithelfen gebraucht. Die Eltern gingen beide zum Arbeiten in die ortsansässige Fabrik und hatten sich noch eine kleine Landwirtschaft zugelegt um besser durch die Kriegsjahre zu kommen.

Mein Großvater hat im Jahre1939 zudem noch den Kirchendienst in der evangelischen Kirche in unserem Dorf angenommen, woran ich heute erkenne, wie seine politische Einstellung war. Auch aus den Gerichtsakten, in denen seine Aussagen als Nebenkläger mir heute vorliegen, ist ersichtlich, dass er einer der wenigen in unserem Dorf war, der den Mut hatte, sich von den Mitläufern der damaligen Masse zu distanzieren. Ob das nicht meiner Mutter zum Verhängnis wurde? Ihr wurde von den Eltern er Dienst in der Kirche übertragen und mein Großvater berichtet, dass  der Ortsgruppenleiter, ein strenger Gegner der Kirche, ihr ständig Schwierigkeiten machte. Wollte er sich an meinem Großvater für seine nicht Parteizugehörigkeit rächen? Er hat veranlasst, dass meine Mutter zum Arbeitsdienst abberufen wurde. Meine Großeltern haben sich gegen diesen Befehl zur Wehr gesetzt und es wurde ihnen mit Polizeigewalt gedroht. Was blieb ihnen anderes übrig, als sich dieser Willkür zu beugen.

Meine Mutter kam in die nahe Stadt in das Haus eines Parteifunktionärs, der altersbedingt zwar nicht mehr aktiv war, aber immer noch gut vernetzt. Diesem Haus wurde nach einiger Zeit auch ein Polnischer Zwangsarbeiter zugeteilt. Beide kamen sich nahe, wurden vom Arbeitgeber denunziert und verhaftet.

Ob der Arbeitgeber diese Beziehung forciert hat?

Denn aus den Akten erfahre ich, dass meine Mutter alleine mit dem Polen im Stall arbeiten musste, während der Arbeitgeber vor Gericht  angibt, er habe vor diesem Angst gehabt und sich nicht getraut mit ihm alleine zu sein. Dazu gibt er noch an, dass er einige Zeit schon beobachtet hat, wie der Pole „hinter dem  Mädchen her war.“ So übernehme ich dies aus den Gerichtsakten.

Als führendes Mitglied der Partei hat er gewusst, welche Konsequenz die  Beziehung einer Deutschen Frau zu einem Zwangsarbeiter hat und er hat einige Zeit billigend zugesehen und sogar die Gelegenheit dazu geschaffen.

Welchen Grund hatte er dazu? Es ist verständlich, dass ich darüber spekuliere.

Am 22. September 1943 werden meine Mutter und der polnische Zwangsarbeiter

zusammen verhaftet. Meine Mutter wird der Gestapo unterstellt und zuerst in Heilbronn inhaftiert, danach  wird sie nach Stuttgart überführt. Dort wird im Dezember festgestellt: Sie ist schwanger.

Anfang Januar 1944 wird sie nach Hause entlassen und im Mai komme ich auf die Welt.

Mit Sorgfalt hat sie für mich die Babyausstattung genäht, die ich später für meine eigenen Kinder noch benutzen konnte und ich habe wirklich das Gefühl, dass sie sich trotz allem Leid über meine Geburt gefreut hat.

Dafür bekam ich vor Jahren die Bestätigung einer Cousine meiner Mutter. Sie erzählte mir, dass meine Mutter ihr unter Tränen gesagt hat, sie hätte nicht gedacht, dass sie ihr Kind so lieb haben kann!

Ich bin 3 Monate alt, als meine Mutter erneut verhaftet und in ein sogenanntes  „Umerziehungslager „  eingeliefert wird. Von dort bittet sie in einem Brief die Eltern um warme Kleidung; sie würde schrecklich frieren und sie berichtet auch von offenen Beinen. Ein bis dahin gesundes junges Mädchen von 19 Jahren.

Ein weiterer Brief erreicht die Eltern, das letzte Lebenszeichen von ihr. In diesem Brief berichtet sie vom Besuch einer Leiterin der Gestapo aus Stuttgart. Diese erkennt meine Mutter wieder aus der Zeit ihrer Inhaftierung in Stuttgart und fragt sie erstaunt, warum sie denn hier ist, sie hätte ihre Strafe doch verbüßt und wäre entlassen.

Das muss meine Mutter sehr beunruhigt haben.

Lange hörten die Eltern nichts mehr von ihrer Tochter, bis sie auf Umwegen erfahren, dass Sie am 07. November nach Ravensbrück in das dortige Konzentrationslager abtransportiert wurde, in dem sie nach 3 Tagen am 10. November  angekommen ist.

Ich war an diesem Tag 6 Monate alt und lebte in der Obhut meiner Großeltern.

Zuerst war in unserer Familie überhaupt nicht bekannt, was ein Konzentrationslager ist.

Stückchenweise hörten sie von diesem Grauen. Durfte, konnte man das Gehörte glauben? Doch es wurde Teil unserer Familiengeschichte. In wie viele Generationen wird es sich in meiner Familie eingraben?

Nach Kriegsende, im November 1945, kam der polnische Zwangsarbeiter, der mein Vater ist,  zu uns nach Hause. Er wollte zu meiner Mutter. Meine Großeltern konnten ihm nur berichteten, dass sie seit über einem Jahr nichts mehr über ihren Verbleib erfahren konnten und ihnen nur die Einlieferung in Ravensbrück bekannt ist. Er wollte nach ihr suchen, doch er hat sich nicht mehr gemeldet. Die Frage danach war, hat er meinen Großeltern geglaubt  oder hat er angenommen, sie wollen den Kontakt zu meiner Mutter  verhindern und war die Verständigung ausreichend.

An meinem 18. Geburtstag bekomme ich vom Jugendamt, das die Vormundschaft über mich als Vollwaise hatte, überraschenderweise eine Vaterschaftserklärung von meinem Vater ausgehändigt. Das Dokument wurde am 11. Juli 1944 vom Amtsgericht in Hermeskeil ausgestellt. Daraus erfahre ich seinen Namen Stanislaw Skrenty. Er ist ledig, am 02. Mai 1911 in Konin in Polen geboren und  im SS Sonderlager Hinzert inhaftiert.

Mit der Anerkennung der Vaterschaft wird er zu einer vierteljährigen Unterhaltszahlung von 75.-- RM an mich verpflichtet. Das Dokument endet mit dem Satz:

Ich will die Kindesmutter heiraten.

Ich muss sagen, zu dieser Zeit bedeutete mir dieses Dokument nicht viel, ich las es etwas befremdet, ohne viel Interesse und legte es zur Seite.

Die ganze Zeit gab es für mich keinen Vater und nun wollte keinen haben. Keinen, den ich suchen muss, der mir fremd ist, von dem ich vielleicht enttäuscht bin und der weit weg in Polen wahrscheinlich mit Familie lebt.

Für mich damals  ein Unbekannter, ein Fremder, aber kein Vater.

Doch heute sehe ich das anders. Meinen Vater konnte ich leider nicht kennenlernen, er ist schon einige Jahre vor meinen Nachforschungen verstorben. Aber er ist für mich jetzt kein Fremder mehr. Ich kenne nun einen Abschnitt seiner Lebensgeschichte und weiß woher er kommt, denn ich habe in Polen seine und meine Verwandten gefunden und ich weiß wie er ausgesehen hat, denn ich besitze einige Fotos von ihm.

Nach der Spurensuche nach meiner Mutter kam für mich das Interesse an meinem Vater.

Wieder schrieb ich nach Bad Arolsen mit der Bitte, mir bei meinen Nachforschungen zu helfen. Es entstand ein freundlicher und hilfsbereiter Schriftverkehr und später auch längere Telefongespräche mit dem Sachbearbeiter, der mich spüren ließ, dass es ihm nicht um Akten und Fakten geht, sondern dass er dahinter immer den Menschen und sein ungeklärtes Schicksal sieht.

Nach vier Monaten bekam ich eine wirklich erfreuliche Nachricht. Eine Nichte meines Vater wurde gefunden und sie war sofort bereit, mit mir Kontakt aufzunehmen.

Der erste Brief von Krystyna hat mich überwältigt. Sie beginnt mit dem Satz:

Ich muss mir nicht die Frage stellen, ob mein Onkel Stanislaw – der Bruder meiner Mutter Jozefa, Ihr Vater ist. Ich glaube, dass Sie meine wahre und bisher unbekannte Cousine Anna sind.

Sie schreibt mir weiter, dass die Familie in Polen von meiner Mutter und mir wusste.

Mein Vater berichtete in Briefen aus seiner Gefangenschaft nach Hause, von seiner Deutschen Freundin, und dass er Vater eines Kindes ist. Er hat ebenfalls berichtet, dass seine Freundin im Lager gestorben ist, also muss er nach dem Krieg nach ihr gesucht haben.

Immer wieder bedauert Krystyna, dass ich so spät die Suche nach meinem Vater und seiner Familie begann. Ihre verstorbene Mutter hätte mir so viel über meinen Vater erzählen können. Was soll ich darauf antworten?

„ Alles braucht seine Zeit.“ Oder: „Die Zeit muss reif sein!“

Zu Krystyna und ihrer Familie ist ein inniger Kontakt entstanden, wir haben uns mittlerweile gegenseitig  besucht. Sie ist eine liebe herzliche und temperamentvolle Frau  und etwas jünger wie ich und wir wären noch enger verbunden, wenn wir spontan miteinander telefonieren könnten. Die Sprachverständigung ist das Problem, wir sind auf eine Übersetzung angewiesen.

Aus dem, was mir Krystyna erzählt und aus einzelnen Schriftstücken, die so nach und nach zu mir kommen, setzt sich für mich die Geschichte meines Vaters zusammen.

Er wurde 1939 in den Krieg einberufen und kam als Kriegsgefangener im Juni 1940 hier in unsere Gegend zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft. Nach einigen Wechseln kam er auf das Anwesen, auf dem auch meine Mutter zum Dienst verpflichtet war.

Bei der Verhaftung hat er anfänglich die Beziehung zu meiner Mutter geleugnet um sie und sich zu schützen doch das Geständnis wird aus ihm heraus geprügelt.

Dass mein Vater Häftling im SS -Sonderlager in Hinzert war, bezeugt die Vaterschaftserklärung.

Und ein weiteres Zeugnis ist eine Postkarte von ihm an meine Mutter, auf der er als Absender das Außenlager Hinzert bei Trier, angibt. Auf dieser Karte hat er seine Häftlingsnummer 738 mit dem Buchstaben E vermerkt, das bedeutet, er war als so genannter Eindeutschungs - Pole in Hinzert inhaftiert.

Er schreibt an meine Mutter:

Liebe Anneliese, Heute komme ich mal zu Dir zum Schreiben. Wie geht es Dir, hoffentlich bist gesund. Bitte schreibe mir Bescheid. Ich bin gesund. Kann ich 2 mal monatlich Pakete empfangen von Lebensmittel und Rauchwaren.

Herzliche Grüße an Eltern. Sei herzlich gegrüßt von Deinem Stanislaw.

Die Erwähnung, dass er als Häftling Pakete mit Lebensmitteln erhalten darf ist verständlich, wenn man heute erfährt unter welch unvorstellbarem Hunger und qualvoll  harter Arbeit die Häftlinge zu leiden hatten und erbärmlich wenig zu Essen bekamen.

Wie und wann mein Vater aus Hinzert befreit wurde, ist mir nicht bekannt. Das muss durch die Amerikanische Befreiungsarmee geschehen sein, bei der er anschließend in Würzburg als Automechaniker beschäftigt war. Von dort ist er im September 1956 nach Halifax in Kanada ausgewandert.

Wie so oft spiele ich mit meinen Gedanken. Damals war ich zwölf Jahre alt und Würzburg war ja gar nicht so weit von meinem Heimatort entfernt. Mein Vater wusste von mir und wo ich zu finden war. Hätte er sich vielleicht doch noch einmal melden sollen?

Ich kann aber auch verstehen, dass er nach all den schrecklichen Erlebnissen in Gefangenschaft und Konzentrationslager vor einem Berg von Problemen stand und sich erst wieder in einem neuen Leben zurecht finden musste. Durch seine Beschäftigung bei den Amerikanern nach dem Krieg, konnte er nicht mehr in sein Heimatland Polen zurück, ihm hätte ein Strafgericht wegen Landesverrat gedroht.  Er hat im Jahre 1948 geheiratet, eine aus ihrer Heimat Rumänien vertriebene Frau. Ich hätte eine Stiefmutter gehabt und der Gedanke macht mir Unbehagen. So war ich bei meiner Großmutter und überall waren die Spuren meiner Mutter noch vorhanden und ich hatte Tanten, Onkels, Basen und Vettern. Also war ich doch in ein behütendes Netz eingebunden.

Von Krystyna erfahre ich einiges über meinen Vater. Anhand der Fotos, die ich von ihr bekommen habe, entdecke ich Ähnlichkeiten zwischen ihm und mir. Wir sind beide im Mai geboren unter dem Sternzeichen „Stier“. Wir sind uns ähnlich in Statur und Aussehen und einige von Krystyna geschilderten Charaktereigenschaften treffen auch auf mich zu.

In den 1980er Jahren kam mein Vater zum ersten Mal wieder nach Polen zu Besuch.

Als junger Mann musste er seine Heimat verlassen. Als alter, von einem harten Leben gezeichnet, sah ihn seine Familie nach über 40 Jahren wieder. Durch harte Arbeit bei der Waldrodung hat er sich eine neue Existenz in Kanada geschaffen. Vielleicht hat er durch die  überaus harte Arbeit auch das Erinnern verdrängen müssen.

Er erzählt seiner Familie  von seiner Gefangenschaft in Hinzert, von seinem unermesslichen Hunger und von seinen Leiden. Er erzählt, dass er einen Fluchtversuch aus dem Lager unternommen hat, dass er von den Suchhunden gestellt und wieder eingefangen wurde. Er zeigt seine Beine die von schrecklichen Narben gezeichnet sind. Ihm wurde mit einer Peitsche das Fleisch in Fetzen von den Beinen geschlagen.

Er wurde gefesselt in eiskaltes Wasser gestellt. Ab und zu konnte er sich mit aller Kraft an einem Balken, der über seinem Kopf war, aus dem Wasser ziehen, um sich so Bewegung zu verschaffen und ein wenig die Eiseskälte aus dem Körper zu bekommen.

Foltermethoden dieser Art waren viele Häftlinge ausgesetzt, viele sind daran gestorben, mein Vater hat sie überlebt. Doch wie oft, bei Tag in den Nächten, musste er die Tortour der Misshandlung und der Todesangst in Alpträumen durchleben?

Unter den Fotos, die ich von ihm habe, ist eines, das mich sehr berührt. Es zeigt ihn zuhause in Kanada auf einer Couch sitzend. Bei sich auf dem Schoß einen Deutschen Schäferhund. Diese Hunde wurden abgerichtet und auf Häftlinge gehetzt und so, wie er seiner Familie berichtet hat, auch bei seinem Fluchtversuch eingesetzt.

Warum hat er sich gerade einen Deutschen Schäferhund ausgesucht?

So kenne ich die Geschichte meiner Eltern. Das kurze Leben meiner Mutter. Das schwere Leben meines Vaters. Beide wurden vom Schicksal zusammengeführt, um für kurze Zeit eine geheime, dadurch eine sehr belastende Liebe zu einander zu erfahren, der ich mein Leben verdanke

Konnten sie sich diesem Schicksal entziehen?